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20. Hamburger Afghanistan-Woche: 20. – 25.07.2015

Afghanisch-Deutscher Begegnungen

Nun schon zum 20. Mal bestens organisiert durch die Vorsitzenden des Vereins für politische Bildung e.V. (Hamburg) und des Afghanic e.V. (Bonn), Amadeus Hempel und Dr. Yahya Wardak fanden sich diesmal wieder im Jugendheim Lichtensee in Hoisdorf bei Hamburg fast 50 afghanische und deutsche Teilnehmer/-Innen einschließlich mehrerer Jugendlicher und Kinder zusammen, um spannende Vorträge rund um das immer wieder aktuelle Thema der Entwicklung Afghanistans zu hören und in anschließenden Diskussionen zu vertiefen.

Dabei geht der Blick zurück auf die Anfänge dieser Veranstaltungsreihe in das Jahr 1995. Damals war das Ende der sowjetischen Invasion Afghanistans gerade mal sechs Jahre her, ohne dass sich die verschiedensten politischen Gruppen auf eine Nachkriegsordnung verständigen konnten. Das Land steckte tief im Bürger- bzw. Bruderkrieg. Ein Jahr später setzten die Taliban ihre islamistische Version eines Friedens durch, den viele als „Friedhofsruhe“ ansahen.

Im Jahre 2015 geht der Blick noch weiter zurück in das Jahr 1915, in dem sich auf staatlicher Ebene erstmals afghanisch-deutsche Beziehungen entwickelten. Diesen historischen Rückblick stellte gleich am zweiten Veranstaltungstag der ehemalige afghanische Botschafter (2010-13), Professor Dr. Abdul Rahman Ashraf dar und zeigte dabei eine Reihe historischer Fotos u.a. vom damals viel beachteten Staatsbesuch König Amanullahs in Begleitung seiner Gemahlin Soraya 1928 in Berlin.

In einem zweiten Vortrag schilderte Prof. Ashraf als Geologe die enormen Bodenschätze seines Heimatlandes, die z.T. erst in den letzten Jahren aufgrund neuerer Forschungsmethoden ermittelt worden sind und eine gute Eigenfinanzierungsbasis darstellen für die zukünftige Entwicklung Afghanistans sobald es gelingt, eine friedvolle und für ausländische Investoren politisch stabile Periode einzuleiten.

Ein weiteres „Highlight“ der Veranstaltung war der mit vielen Bildern unterlegte Vortrag von Paul Bucherer-Dietschi, der seit den frühen 1960er und 1970er Jahren die „Bibliotheca Afghanica“ als ein umfangreiches Afghanistan-Archiv aufgebaut hat und entsprechend fundiert aus seiner Sicht die letzten hundert Jahre deutsch-afghanischer Beziehungen und Freundschaft darstellen konnte. Er schilderte die heute exotisch anmutende Mission von Werner Otto von Hentig und Oskar Niedermayer, die im September 1915 in Paghman bei Kabul dem afghanischen Emir Habibullah ein Beglaubigungsschreiben von Kaiser Wilhelm II. übergeben konnten. Sie erreichten damals zwar nicht das Ziel ihrer Mission, den Emir zu kriegerischen Attacken des britisch beherrschten Indiens zu bewegen, sie legten jedoch den Grundstein für die besonderen deutsch-afghanischen Beziehungen, die sich seitdem kontinuierlich entwickelt haben. Mit seinem fundierten Wissen über Afghanistan, spannend erzählt, erfreute Bucherer-Dietschi die Zuhörer/-Innen. Auch berichtete er über das „Afghanistan-Museum im Exil – von der Einrichtung bis hin zur vertrauensvollen Rückführung nach Kabul“ nach dem Ende der „Taliban-Zeit“.

Frank Hansen schilderte in seinem mit eindrucksvollen Lichtbildern unterlegten Vortrag als ehemaliger Leiter der europäischen Polizeimission in Nordafghanistan seine persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen beim Polizeiaufbau.

Ruth Göhlen war als Fachberaterin von „Engagement Global /Bengo“ im Bereich „Service für Entwicklungsinitiativen“ nach ihrem Vortrag über „Kooperationsprojekte in Afghanistan – Fördermöglichkeiten durch das BMZ und Antragsverfahren“ eine gesuchte Gesprächspartnerin teilnehmender Vertreter/-Innen verschiedener gemeinnütziger Nicht-Regierungsorganisationen („NGOs“), die sich häufig mit Anträgen und Finanzierung ihrer Hilfsprojekte auseinandersetzen müssen.

Der Straßenbau-Ingenieur Hans-Jörg Deleré („Ein deutscher Junge als Bacha-e-Kabul“) berichtete anhand historischer Fotos über seine Schulzeit in den 1950er Jahren an der Deutschen Schule in Kabul, während damals sein Vater, Josef Deleré zuständig war für den Ausbau des gesamten afghanischen Straßennetzes wie der auch heute noch eindrucksvollen Gebirgsstraße „Tang-i-Gharu“, die von Kabul nach Jelalabad führt.

In einem spannenden und geschichtlich hoch interessanten Überblick berichtete Oberst a.D. Franz-Josef Pütz über „100 Jahre Deutsche in Afghanistan – von Politik, Arbeit und Abenteurern“. Dabei benutzte er einzigartige philatelistische Belege wie teilweise historisch bedeutsame Briefumschläge, Ansichtskarten, Bilder und andere Objekte aus Papier, um besondere Ereignisse eindrucksvoll zu schildern. Für die afghanischen und deutschen Seminarteilnehmer war es erstaunlich, wie man in diesen 90 Minuten eine äußerst interessante Darstellung der afghanischen Geschichte der letzten 100 Jahre auf diese Weise vermitteln konnte.

Gregor Schäfer berichtete in seinem eindrucksvollen Lichtbildervortrag über die persönlichen „Erfahrungen eines Bundeswehrsoldaten in Afghanistan aus Sicht eines Kompaniechefs“.

Felix Meyer-Christian, Gründer und Leiter der „costa compagnie“ stellte sein Engagement dokumentarischer Performance und choreographischer Methoden dar und berichtete über das gemeinsame auf Afghanistan bezogene Projekt „CONVERSION“, das sich zusammen mit dem Theater und Orchester Heidelberg mit dem Ende der US-amerikanischen militärischen Präsenz und dem Ende der ISAF-Mission befasst.

Mohammad R. Tanha ist Dozent der Naturwissenschaften an der Uni Kabul und derzeit im Institut für Radioökologie und Strahlenschutz der Uni Hannover tätig. In seinem humorvollen Vortrag „Doing research in intercultural environment: Erfahrungen eines jungen afghanischen Wissenschaftlers in Deutschland“ stellte er die besonderen Eigenarten der Deutschen aus der kritisch-freundlichen Sicht eines Ausländers dar.

Im Rahmen verschiedener Projektberichte referierte Dr. Nazar Sultansei, Arzt und Kernphysiker über die geplante Errichtung eines Krebszentrums in Kabul. Michael Branath und Mainodin Safi berichteten als Mitglieder des entsprechenden Initiatorenkreises über den Stand des Projektes „Deutsch-Afghanischer Dachverband (DADV)“, der das Ziel verfolgt, im Rahmen einer solchen Dachorganisation die Interessen gemeinnütziger Hilfsorganisationen mit Förderschwerpunkt Afghanistan zu koordinieren und im öffentlichen Raum zu fördern.

Die beiden Vorsitzenden des Afghanic e.V., Dr. Yahya Wardak und Dr. Jürgen Kanne berichteten über die beiden derzeit wichtigsten Projekte ihres Vereins, zum einen über die in Kabul nahezu betriebsbereite Tagesklinik („medical aid point“ – siehe www.dewanbegi-clinic.org) sowie über das weitgehend abgeschlossene Projekt „Fachbücher für die Medizinstudenten afghanischer Universitäten“. Die inzwischen rd. 200 in den Landessprachen Dari oder Pashto und Englisch erstellten medizinischen und aus den Bereichen, Landwirtschaft, Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften  Fachbücher mit einer Gesamtauflage von 200.000 (und 200.000 CDs) ersetzen nicht nur die bisher verwendeten und kaum noch lesbaren „lecture notes“, sondern dienen als Basis des kompletten Medizinstudiums und werden auch gern von bereits ausgebildeten Ärzten für Zwecke der Fortbildung genutzt. Eine Erweiterung auf die entsprechende Versorgung der Studierenden anderer Fakultäten wird angestrebt, jedoch fehlen derzeit noch die notwendigen Finanzierungsmöglichkeiten. In der anschließenden Diskussion wurde die Idee („100 Bücher für 100 Jahre Freundschaft“) geboren, im Rahmen der 100-jährigen deutsch-afghanischen Beziehungen 100 Lehrbücher für die 100 Jahre deutsch-afghanische Freundschaft zu initiieren.

Als ideale Überleitung zum „Bunten Abend“ als Ausklang der intensiven Studien-und Diskussions-Woche stellte Hans Brandenburger „Typen und Systeme der Afghanischen Musik im 20. Jahrhundert mit Klangbeispielen“ vor. Wer ihn noch nicht erlebt hatte, war überrascht, dass ein deutscher Instrumentenbauer ohne afghanische Wurzeln traditionelle und zeitgenössische Musikinstrumente dieses Landes am Hindukusch zu bauen und zu spielen versteht.

Der stimmungsvolle afghanisch-deutsche Abschlussabend klang dann aus mit Grillen, afghanischer Livemusik, Mille Attan, sonstigen stimmungsvollen afghanischen Tänzen und guten Gesprächen – nicht zuletzt über die traditionelle deutsch-afghanische Freundschaft, die sich in dieser seit nunmehr 20 Jahren lebendigen Veranstaltungsreihe “Hamburger Afghanistan-Woche” immer wieder gezeigt hat.  JK